Fährtensuche
Ich drehe meine übliche Runde durch den Wald. Der Frühling verabschiedet sich langsam und das Laub der Bäume verwandelt sich von frischen knackig zarten Blättern in ein dunkeldichtes, stattliches Blätterdach.
Wege, auf denen ich noch vor Tagen problemlos gewandert bin, sind zugewuchert mit Brennnesseln und anderem Gestrüpp.
Auch von den Bäumen wachsen Ranken herunter und erschweren mir den Weg. Ganz schön nervig!
Doch mit einer Machete durch einen forstwirtschaftlichen Weg in im dicht besiedelten NRW zu laufen, kommt mir dann aber eher unpassend vor.
Vor mir, an meinen Bauch geschnallt, schläft meine elf Monate alte Tochter, mein Mann geht vor mir und um die Kleine nicht zu wecken, kommunizieren wir ganz still mit Blicken und Gesten. „Warst du schon mal da?“ flüstert er und zeigt rechts von unseren Weg. Dort, neben dem Weg, befindet sich ein Hang mit Wiese. Ich schüttle den Kopf. Ich hatte letztens vielleicht ein paar Schritte in diese Richtung gemacht und einen Blick hin geworfen, aber mehr auch nicht.
Die Höhle
Ich folge ihm und höre kurz darauf „Eine Höhle!“. Ganz aufgeregt beeile ich mich hinterher zu kommen. Wir stehen auf dem Hang und schauen gemeinsam nach unten. In einer Felswand hat sich auf Bodenhöhe eine Öffnung gebildet.

Was, wenn dort ein Tier lebt? Eine Gruppe Wildschweine oder ein Fuchs?
Übrigens beides falsch. Der Fuchs hat einen Bau, ähnlich wie der Dachs und Wildschweine wandern im Gestrüpp umher und wechseln ihre Plätze.
Wir wollen keine Tiere aufscheuchen oder stören, doch es scheint so, als wäre keines dort. „Ich kletter‘ da jetzt runter“ sagt er.
„Nein, schau erst, ob da kein Tier ist. Wirf einen Stein oder so“. Gesagt – getan. Keine Reaktion. Dass unsere Kleine mittlerweile die Augen geöffnet hat und verschlafen durch die Gegend schaut, ist egal.
Unten angekommen wartet schon die Enttäuschung: „Da geht es gar nicht weiter rein, da leben keine Tiere“.
„Vielleicht ja doch“ sage ich. Vor einiger Zeit habe ich gehört, dass unglaublich viele interessante Tier- und Insekten Arten in Höhlen leben. Es gibt unglaublich viel unerschlossene Fläche unterhalb der Erde.
Ich schiesse Fotos von der Höhle und wir ziehen weiter. Mit brabbelndem Baby im Gepäck.
Kurz vor Waldende haben Traktorreifen große Spuren hinterlassen. Der Weg ist nur noch eine große schlammige Masse. Nach kurzem Ärger über diese Verwüstung schweift mein Blick über den Boden. Was ist das denn? Ich sehe einige … Pfotenabdrücke? Beim näheren Hinsehen erkenne ich, dass es sich bei einigen Spuren ganz und gar nicht um einen Hund handelt und schiesse erneut voll Begeisterung Fotos.
„Na fotografierst du ein paar Hundespuren?“ „Und von einem Huhn!“ sage ich. Doch es scheinen mir sogar vier verschiedene Fußabdrücke von Tieren zu sein.
Am Abend liege ich mit meiner Tochter im Bett und die Ereignisse den Tages kommen mir immer wieder in den Kopf. Mein Online Warenkorb ist prall gefüllt: ein Fernglas, ein Handy Objektiv und eine Wildkamera.
Wir gehen auf Fährtensuche!
Die Fußspuren

Na die müssen sich doch wohl leicht erkennen lassen! Eine Übersicht mit Tierfußspuren aus dem Internet und das Rätsel ist gelöst.
Doch… Irgendwie erkenne ich fast gar nichts, obwohl die Abdrücke so gut sind. Wäschbär, Marder, Wanderratte – alles sieht irgendwie gleich aus und doch nicht wie das was ich fotografiert habe.
Nachdem ich weiter recherchiert habe und auf ein Forum für Fährtensuche gestoßen bin wird mir bewusst: ich habe einiges falsch gemacht.
Wie Du Fußspuren richtig fotografierst
Am besten eignet sich ein Maßband, um die Größe des Fußabdrucks und den Abstand dazwischen zu messen. Sonst tut es auch ein anderes Maß (z. B. Eine Münze), später lässt es sich nicht rekonstruieren und der Abdrücke von einem Spatz oder Reiher kann ziemlich ähnlich aussehen, wenn Du das Größenverhältnis nicht einschätzen kannst.
Schließlich habe ich mir im Forum Hilfe gesucht. Ich erwartete eine schnelle, einfache Antwort. Foto reinschicken und die Lösung für alle Spuren erhalten – weit gefehlt! Coyote Teaching* wird hier groß geschrieben. Du wirst durch gezielte Gegenfragen aufgefordert selbst nachzudenken und das ist gar nicht so einfach. Außerdem habe ich beim einzigen Tier, bei dem ich sicher war, daneben gelegen.
*Coyote Teaching ist eine Methode aus der Wildnis-Pädagogik.
Was lerne ich daraus?
Fährtenlesen ist echt nicht einfach und es geht um viel mehr als nur Fußspuren. Es gibt Malbäume, Federn und naja auch um die Ausscheidungen der Tiere. Ganz abgesehen von unseren anderen Sinnesorganen.
Viel wichtiger jedoch, als die Tiere genau identifizieren zu können, ist das Bewusstsein darüber, dass einiges im Wald passiert. Mein Blick ist geschärft und ich entdecke immer mehr „Spurenschätze“. Aufgewühlte Erde und Hufabdrücke von Wildschweinen, kleine tapsige Vogelspuren. Welches Tier hat denn da am Holz genagt, warum liegen hier so viele Federn, war da ein Raubvogel unterwegs?
Der Begriff Achtsamkeit wird die letzten Jahre ziemlich häufig verwendet, doch insbesondere zu diesem Thema finde ich ihn angemessen. „Konsumieren“ wir den Wald nebenher, mit Musik im Ohr oder lauten Gedanken im Kopf? Wie nehmen wir unsere Umwelt wahr?
Im Wald können wir unsere Instinkte erwecken, die uns im alltäglichem Bewusstsein abhanden gekommen sind und uns dadurch unglaublich lebendig fühlen.
Wie gehst Du durch den Wald?
Hast du bestimmte Methoden, die Natur zu genießen? Bleibt das Smartphone zuhause? Dann schreib es mir doch in die Kommentare 😊
2 Kommentare
Liebe Sarah, euer Ausflug klingt wunderbar und ich freue mich für euch, über die ganzen Funde. Stelle doch die Trittsiegel und Spuren hier vor und dann können wir Leser it dir rätseln. Ich find es auch großartig, dass es dich abends sogar noch beschäftigt hat und es dich so richtig gepackt hat. 🙂 Das ist ein tolles Gefühl für mich, wenn ich immer wieder erkenne, wie viel Leben in unseren Wäldern steckt und die Tiere überall ihre Spuren hinterlassen. Liebe Grüße Martin.
Hallo Martin,
vielen Dank für die Inspiration, das werde ich sicherlich noch umsetzen. 😊
Ja, die Spuren haben mich echt nicht mehr losgelassen.
Ich hab mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Deine Seite ist echt super informativ!
Liebe Grüße
Sarah